Ausstellung der Neuen Gesellschaft für Bildende Kunst Berlin vom 22. August — 27. September 2009
"Knast" – das sind in der öffentlichen Rezeption vornehmlich
"die anderen": ein Phänomen, eine Wirklichkeit, die einen nicht zu betreffen scheint. Die Ausstellung versucht die künstlerische Annäherung an dieses System, das, obwohl zunehmend ins Abseits gedrängt, ein kontinuierlicher, aber wenig wahrge-nommener und hinterfragter Bestandteil gesellschaft-lichen Funktionierens ist. Aus unterschiedlichen Perspektiven werden die Grenzen der Institution Gefängnis befragt, aber auch ihre Durchlässigkeiten, die spezifische Formen des Austauschs und des Diskurses entstehen lassen.Viele der teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler, beweg(t)en sich über längere Zeit direkt im Strafvollzug. Sie agieren als Initiatoren, Vermittler, Moderatoren und Eindringlinge in das hermetische System des Strafvollzugs und schaffen unbesetzte Räume. In den meisten Fällen sind Inhaftierte Co-Autoren der Werke. Andere Positionen beziehen sich beobachtend oder modellhaft auf den Justizvollzug und befragen die spezifischen räumlichen und sinnlichen Bedingungen von Freiheitsentzug.

1001 Türen I ArtScourceLab

100 Jahre alte, metallene Zellentüren aus der JVA Moabit bildeten den Ausgangspunkt für ein Kunstprojekt für und mit Inhaftierten. Im Sinne einer „sozialen Intervention“ wurde ein Prozess in Gang gebracht, der alle Beteiligten, d.h. Gefangene und Angestellte im Geflecht des Justizvollzugs, Entscheidungsträger bei den Behörden sowie freie Träger und potenzielle Arbeitgeber von (Wirtschafts-) Unternehmen, zu Mitwirkenden in einem gestalterischen Vorgang machte. Die teilnehmenden Inhaftierten wurden zu Autoren ihres eigenen Entlassungstrainings, das u.a. die Reintegration in den Arbeitsmarkt zum Ziel hat. Die Künstler, die sich außerhalb der Hierarchien eines Gefängnisses befinden und mit allen Parteien auf gleicher Augenhöhe kommunizieren können, wirken als Katalysatoren dieses Prozesses.

http://www.1001tueren.de/

ArtSourceLab / 1001 Türen (A Thousand and One Doors), 2004


Starting point for this project was a group of discarded cell doors from Moabit Prison. ArtSourceLab decided to initiate a project that would set in motion a form of “social intervention” involving all parties as participants in a creative process: inmates and officers inside the prison system, government decision-makersindependent bodies and potential commercial employers. The participating inmates ended up devising their own release training, which among other things aimed a reintegrating them into the job market. ArtSoucrceLab were able to act as catalysts in this process, by virtue of being outside the prison hierarchy and thus able to communicate with all parties on an equal footing.


see http://www.1001tueren.de

Mr. X spielt Number 6 I Katharina Heilein


Katharina Heilein mit Inhaftierten der JVA Moabit in Zusammenarbeit mit Brigitte Krämer und Gabriele Nagel
„Mr. X spielt Number 6"— Ein Gemischtes Doppe
l,
2009



Aus einfachen Pappmaterialien fertigte Katharina Heilein mit Inhaftierten der JVA Moabit einen Kinoraum, der nach Entwürfen der Beteiligten umgesetzt wurde. Mit diesem temporären Kino ist ein Ort entstanden, an dem die britische TV-Serie „The Prisoner" aus dem Jahr 1969 genau 40 Jahre nach ihrer Veröffentlichung gezeigt wird. Inhaftierte können sich für die während der Ausstellungszeit wöchentlich stattfindenden Vorführungen anmelden und zusammen mit der Künstlerin und den inhaftierten Co-Autoren die Serie sehen und diskutieren. „The Prisoner" verhandelt Themen, die im heutigen Strafvollzug für die Betroffenen nach wie vor aktuell sind und eine Auseinandersetzung mit Fragen der Identität, Selbstbestimmung und Willensfreiheit öffnen. In der NGBK verweist ein Kinosessel auf den beschriebenen Arbeitsprozess. Hier sind die Gespräche und Kommentare der Inhaftierten zur Serie in einem Audiofeature zu hören. Dazu setzen Fotografien die entstandene Kinoeinrichtung in Zusammenhang mit der Gefängnisarchitektur.
Das Projekt ist eine Außenstelle der Ausstellung und kann freitags in geführten Gruppen nach Anmeldung besucht werden.

















Katharina Heilein in collaboration with
Gabriele Nagel, Brigitte Krämer and inmates of Moabit Prison
"Mr. X spielt Number 6" – Ein Gemischtes Doppel ("Mr. X plays Number 6" – A Mixed Double), 2009

Working with inmates from Moabit Prison, Katharina Heilein designed and fitted out a film screening room in the prison’s new annexe, with participants devising and building the furniture out of cardboard. The British television series The Prisoner from 1969 will be shown in this temporary screening room exactly forty years after it was first broadcast. Inmates can apply to join the weekly screenings that will take place during the course of the exhibition, and watch and discuss the series together with the artist and her collaborators in prison. The Prisoner deals with themes that are still relevant for those in incarceration today, and enables them to engage with questions of identity, self-determination and free will. At the NGBK, a cinema seat offers an example of the work done in the prison. Visitors can also listen to an audio feature containing conversations and commentaries by prisoners about the series. There are also photographs showing the screening room both before and after its transformation.
This project is located in an annexe to the main exhibition and can be visited every Friday by arrangement.

Auslagern I Judith Siegmund

Judith Siegmund
Auslagern, oder Wie baut man ein Gefängnis?
3 Videoarbeiten, 2009: 11 min; 27 min.; 17 min

In Großbeeren, 20 km südlich des Berliner Zentrums, hat 2009 der Bau eines neuen Großgefängnisses in der Peripherie begonnen. In der Videoinstallation setzt sich Judith Siegmund mit der geplanten JVA Heidering auseinander. Indem sich die Künstlerin vor der Kamera körperlich und gedanklich dem Baustellengelände nähert, langsam in sein Inneres vordringt, provoziert sie Vorstellungen und Fragen der Zuschauer zum Gefängnisbau. Die Video-Performance beginnt in einem journalistischen informierenden Stil, in seinem Verlauf verlässt die Künstlerin die berichtende Position und begibt sich in die Rollen verschiedener Menschen, die im Gefängnis leben und arbeiten. Ergänzend werden in zwei dokumentarischen Videos Bilder des Ortes und seiner Geschichte gezeigt und zwei Interviews über die Konzeption der JVA Heidering geführt.




Judith Siegmund
Auslagern, oder Wie baut man ein Gefängnis?
(Moving out of Town, or how do you build a prison?)
2009, Videos: 11 mins; 27 mins; 17 mins

In 2009, work started on the construction of a new large-scale prison at Grossbeeren, twenty kilometres south of central Berlin, on the edge of the city. In her video installation, Judith Siegmund investigates the background to the building of Heidering Prison. By carefully exploring and reflecting on the building site, the artist slowly uncovers the true nature of the project, and raises questions about the building of the prison. The video performance begins in an informative, journalistic style, but as it unfolds the artist abandons her position as reporter and assumes the roles of different people who live and work in the prison. Two documentary videos accompany the work, which show images of the site and its history, and include two interviews that deal with the origin of Heidering Prison.



Welche Legitimation hat das Gefängnis? Podiumsdiskussion am 25/09/2009

Der Strafvollzug befindet sich, wieder einmal, im Übergang. Eher bescheidene Ansätze einer menschenwürdigen, rationalen und lebensnahen Vollzugsgestaltung werden infrage gestellt und zum Teil radikal beschnitten. Geht die Reise zurück in die sterile Welt des Verwahrvollzugs? Und welche Alternativen gibt es? Die Podiumsrunde diskutierte sowohl die internationalen Erfahrungen (Abolitionismus, Justice Reinvestment), als auch die Berliner Situation – hier vor allem den Neubau der JVA Großbeeren.


Mit Judy Greene, New York (Kriminologin und Expertin zu Justice Reinvestment), Nils Christie, Oslo (einer der bedeutendsten Vertreter des Abolitionismus), Dirk Behrendt, rechtspolitischer Sprecher der Bündnis 90/Die Grünen im Abgeordnetenhaus Berlin.

Moderation: Hans-Joachim Neubauer

"Platzwahl beschränkt" am 25/09/2009
























Am 25.09. 2009 fuhr der Gefangenentransporter das letzte Mal mit 10 Besuchern von der NGBK zur JVA Moabit, um dort das entstandene, fortlaufende Projekt „Mr. X spielt Number 6. Ein gemischtes Doppel“ von Katharina Heilein zu sehen.

Nach einer kurzen Führung durch Haus 1 stellten drei der Teilnehmer des Projekts die gemeinsame Zusammenarbeit vor und betonten dabei, dass es schwierig sei, das das Projekt nun zu Ende ist. Der Kinoraum aus Pappmaterialien würde das letzte mal benutzt und was komme dann? Im Anschluss wurde die letzte Folge der Serie "The Prisoner" geschaut, die ziemlich überraschend endete.

Robert, ein Mitfahrer schrieb nach der Fahrt ins Gästebuch: "Es war wirklich eindrucksvoll ein wenig von Euch und dem Leben in Moabit mitzubekommen. Die Kunst ist denke ich eine gute Gelegenheit diese zwei "Welten" zu verbinden. "


Die Künstlerin Katharina Heilein und alle beteiligten Inhaftierten des Projekts "Mr. X spielt Nr. 6." denken seit dem Ende der Ausstellung über eine Weiterführung des Projektes und eine Erhaltung des Kinoraums in der JVA Moabit nach. Nutzungsmöglichkeiten und eventuelle Kooperationen mit externen Partnern, die das Kino weiter betreiben könnten werden mit der JVA gerade diskutiert.

Vielen Dank an dieser Stelle der Fahrbereitschaft der JVA Plötzensee, die den Gefangenentransporter jeden Freitag einsatzbereit gefahren hat.

"Ausschluss" ein Spieleabend zum Abschiebegewahrsam


„Ausschluss" – Ein (Spiele-)Abend zum Thema Abschiebegewahrsam

Am Donnerstag. den 17.09.2009 stellten Mattia Bier, Bildhauerin, und Juan Pablo Díaz Moreno, Medienküns
tler ihre Recherchen über die Lebensbedingungen und Ausschlussmechanismen von Einwanderern vor. Sie bilden den Auftakt für eine gemeinsame Spielaktion: „Motio", ein
von den Künstlern entwickeltes Brettspiel, thematisiert die Situation von MigrantInnen ohne bestimmten Aufenthaltsstatus. Die Künstler laden ein zur Interaktion und Diskussion des Gesellschafts-Spiels.









„Was kommt nach der Haft?“ am Donnerstag, 10.09.2009

Ein Vortrag von Eckhardt Witting (sbh/ Straffälligen- und Bewährungshilfe Berlin e.V., Gefangenen-Fürsorgeverein Berlin von 1827)

Eine Freiheitsstrafe soll in Deutschland unter anderem der „Resozialisierung“, also der Wiedereingliederung des Straffälligen ohne weitere Straftaten in die Gesellschaft dienen. Geht das überhaupt? Erst nach der Entlassung aus der Haft zeigt sich, inwieweit dieser Ansatz Erfolge zeigt. Welche Chancen haben Menschen, die aus einer Justizvollzugsanstalt entlassen werden und welche Probleme stellen sich ihnen? Hier setzt die Arbeit von freien Trägern wie der sbh Berlin e.V. an, die für die Betroffenen eine wichtige Anlaufstelle darstellen und sie unterstützen, außerhalb der JVA wieder Fuß zu fassen. Ein Bericht aus der Praxis der Straffälligenberatung.

Bild: Ausstellungsansicht "America is Yours and Yours is Ameria", Heide Hinrichs, 2009

An diesem Abend führte Eckhard Witting ein in die, für viele Inhaftierte schwierige, Auseinandersetzung mit der Frage: „Was kommt nach der Haft?“ Ob Wohnungs- oder Arbeitssuche, die familiäre und soziale Ein- und Rückbindung – schon auf dem Weg zur Entlassung, aber auch danach, versucht die Straffälligen- und Bewährungshilfe den Einzelnen bei diesen Schritten zu beraten und zu begleiten.
Der sehr dialogische Abend wurde bereichert durch Eindrücke aus der Arbeit des sozialpädagogischen Dienstes in der JVA, und vor allem durch die Perspektive eines „Special Guest“ aus dem offenen Strafvollzug, der zu vielen Fragen aus persönlicher Erfahrung berichten konnte.